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tress kann krank machen. Hiervon sind nicht nur Manager und Mütter betroffen, sondern auch junge Menschen. Warum? Auf ihnen lastet oft ein großer Leistungsdruck, den sie sich selber machen oder von ihren Eltern auferlegt bekommen. Die Konsequenzen daraus können genauso drastisch sein wie bei Erwachsenen: Burnout mit schweren Depressionen bis hin zum Selbstmord. Sowohl die jungen Menschen selbst als auch die Eltern sind daher angehalten, achtsam zu sein und Anzeichen für das Erschöpfungssyndrom frühzeitig zu erkennen. Ein Beispielfall zeigt, wie sich ein Burnout bei jungen Menschen darstellen kann.

Beispiel Nadine: die Dauer-Praktikantin

Morgens um 6.00 Uhr klingelte bei Nadine stets der Wecker. Vor dem anstehenden Arbeitstag in einer Kommunikationsagentur plante sie immer noch eine Joggingrunde ein, denn der Körper soll fit und schlank sein. Danach nahm sie die U-Bahn und den Bus, um zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen. Obgleich sie dort bereits seit sechs Monaten eine 50-Stunden-Woche absolvierte, hatte die Germanistikabsolventin den Status der Praktikantin nicht überschritten. Es war ihr drittes Praktikum in der deutschen Hauptstadt und die Chefs suggerierten ihr, sie sollte über den Praktikumsplatz froh sein.

Nadine lernte in ihren Praktika viel. Ihre Vorgesetzten übertrugen ihr zahlreiche Aufgaben, die teilweise mit einer hohen Verantwortung einhergingen. Nadine war darauf stolz - zumindest anfangs. Sie engagierte sich, arbeitete zuhause weiter und kam auf Anfrage sogar am Wochenende ins Büro. Da die Bezahlung jedoch sehr gering ausfiel, war Nadine auf die Hilfe ihrer Eltern und ihrer Oma angewiesen. Es war ihr peinlich, mit 27 Jahren noch nicht selbst für sich sorgen zu können. Deswegen übernahm sie auch neben ihrem Praktikum kleinere Jobs. Sie korrigierte Semesterarbeiten von vermögenderen Germanistikstudenten und half bei Abschlussarbeiten. Hin und wieder gab sie Schülern Nachhilfe.

Nadines erste Burnout-Anzeichen

Wie so häufig begann das Burnout bei Nadine schleichend. Sie bemerkte erstmals, das etwas nicht stimmte, als sie morgens nicht aus dem Bett kam. Immer häufiger verschob sie das Jogging, um länger zu schlafen. Abends konnte sie nicht einschlafen, da sich das Gedankenkarussell unaufhörlich drehte. Bei der Arbeit viel es ihr schwerer, sich zu konzentrieren. Ihren Chefs fiel der Leistungsabfall auf. Sie mahnten an, dass die Arbeitsqualität ihrer Praktikantin nachlassen würde.

Einmal ist ihr sogar vorgeworfen worden, sie würde wohl zu viel feiern gehen, was jedoch überhaupt nicht stimmte. Im Gegenteil: Nadine sah ihre Freunde nur noch selten, da sie kaum Freizeit hatte. Die junge Frau ärgerte sich über den Kommentar, konnte sich aber nicht dagegen wehren. Ihr fiel es schwer, die Stimme für sich selbst zu erheben und sich mit Nachdruck gegen den Chef aufzulehnen.

Es wird schlimmer: psychosomatische Beschwerden und Aggressionen

Nadines Müdigkeit nahm zu. Nachts wachte sie manchmal auf und litt unter Panikattacken. Das Herz klopfte und sie bekam schwer Luft. Sie versuchte sich mit Büchern und Filmen abzulenken, aber das half alles nichts. Stattdessen wurde es schlimmer. Sie ging mit Magenschmerzen zur Arbeit und versteckte sich wegen Weinkrämpfen gelegentlich in der Firmentoilette.

Ihre Freunde traf sie gar nicht mehr und auch von ihren Eltern distanzierte sich die Germanistin. Rief ein Freund bei ihr an, reagierte sie gereizt. Einmal ertappte sie sich dabei, wie sie ihre Oma am Telefon anschnauzte: »Wie soll ich am Sonntag zum Kuchenessen zu dir kommen? Glaubst du, ich habe so viel Freizeit?« Die Großmutter war überrascht, so aggressiv hatte sie Nadine noch nie erlebt. Sie trafen sich doch mindestens an zwei Sonntagen im Monat.

Die Hilfe kam von außen

Nadine befand sich in einer Dauerschleife. Darüber war sie sich gar nicht im Klarem bis eines Abends ihre Oma spontan zu Besuch kam und ihre Enkeltochter darauf ansprach. Zuerst wollte Nadine ihre Oma gar nicht hereinlassen, da sie sich so ausgelaugt und müde fühlte. Sie besann sich jedoch lies ihre Oma eintreten. Während eines längeren Gesprächs hörte sich die junge Frau irgendwann sagen:

"Abitur, Studium und all die Praktika sowie Nebenjobs. Ich rackere mich immer ab und habe nur ein Ziel vor Augen: einen sicheren Arbeitsplatz, der mich ernährt. Und nun? Ich stehe vor dem nichts. Nichts klappt. Ich kann echt nicht mehr!" Diese eigenen, klaren Worte waren für Nadine wie eine Offenbarung. Sie wusste nun, was sie so sehr erschöpft. Jetzt musste der nächste Schritt folgen: die Beseitigung der Gründe für die Erschöpfung.

Das Leben umkrempeln und die Perspektive ändern

Ausgehend von ihrem ersten Gespräch mit der Oma ging Nadine ihren Problemen auf den Grund. Hierfür hinterfragte sie sich selbst und unterhielt sich mit engen Vertrauten. So fand sie heraus, dass sie sich im Praktikum zu sehr aufrieb. Sie konnte nicht Nein sagen und übernahm zu viele Aufgaben. Das führte letztlich dazu, dass sie selbst liebgewonnene Interessen wie Jogging und Treffen mit Freunden nicht mehr nachgehen konnte. Das ändere Nadine nun. Sie traute sich anfangs nicht, offen mit dem Chef zu reden. Deswegen bat sie um Urlaub, was ihr gewährt wurde. In den kommenden zwei Wochen überlegte sie, wie sie ihr Leben stressfreier gestalten könnte. Sie beschloss:

  • Ich möchte Sport treiben, aber nicht aus Zwang oder für andere. Ich möchte das tun, um mich wohlzufühlen.
  • Ich möchte in der Kommunikationsbranche arbeiten, aber nicht um jeden Preis. Bewusst wehre ich mich gegen Ausbeutung.
  • Ich möchte meine Freunde öfter sehen und ich möchte ein wenig Zeit haben, um neuen Interessen nachzugehen.
  • Ich möchte an Durchsetzungsfähigkeit gewinnen und lernen, Nein zu sagen. So werde ich auch mehr von anderen akzeptiert und geachtet.

Nadine schrieb diese Ziele auf. Sie wusste, sie kann diese nicht auf einmal erreichen. Insbesondere die Veränderung ihrer Persönlichkeit würde ein langer Prozess sein, bei dem Rückschläge einzukalkulieren sind. Das Burnout zu bekämpfen und einem neuen Burnout vorzubeugen, ist eine Lebensaufgabe.

Achtsamkeit und Gelassenheit als Burnoutwaffe

Gerade junge Menschen fühlen sich oft gehetzt, da sie viel erreichen möchten: ein eigenes Einkommen, Heirat, Karriere machen, Hausbau, Kinder kriegen etc. Niemand sollte diese Ziele jedoch krampfhaft erzwingen, denn das kann in einem Burnout münden. Wichtiger ist es, sich in Achtsamkeit und Gelassenheit zu schulen. So lassen sich auch große Ziele besser erreichen. Zudem geben sie die Möglichkeit, von vorgefertigten Wegen bewusst abzukommen. Immerhin ist nicht für jeden der klassische Lebensweg der richtige Weg.

Eltern sind angehalten, bei ihren Kindern auf Anzeichen eines Burnouts zu achten. Teenager merken oft gar nicht, wenn sie in der Burnoutfalle stecken. Stattdessen strengen sie sich immer mehr an, um den Anforderungen der Eltern oder der Lehrer gerecht zu werden. Sie suchen sich selbst in der Freizeit Aufgaben, die den Lebenslauf aufpeppen sollen. Solch ein Vorgehen kann jedoch nach hinten losgehen.

Teenager riskieren so nicht nur ein Burnout, sondern verpassen vielleicht sogar das große Lebensglück. Wie soll jemand wissen, was ihm Freude bereitet und wo seine Neigungen sind, wenn er seine Tätigkeiten nur auf die vermeintlichen Ansprüche der Gesellschaft richtet?

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Photo by Gemma Chua-Tran on Unsplash

Publiziert am
Jan 8, 2021
 in Kategorie:
Arbeitsplatz

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